kyoshiros

Gedanken über die Welt

Was ist... eine Person?

Jan 182017

Motivation

Durch einen Aufruf von M getriggert, habe ich mir einige Gedanken zum Thema "Person" und "Persönlichkeit" gemacht. Dem Begriff der "Person" kann man sich auf vielen Wegen nähern - sei es nun aus etymologischer, juristischer, psychologischer oder informationstechnischer Sicht -, letzten Endes jedoch bleibt es eine Glaubensfrage, eine Frage der Philosophie.

Die zentrale Fragestellung, auf die ich hier eine Antwort suche, lautet:

Was ist eine Person? Können auch nicht-menschliche Wesen oder sogar Dinge generell (potentiell) Personen sein? Welche Bedingungen müssen erfüllt sein, damit eine Person vorliegt? Welche Schlüsse kann man ziehen, wenn man weiß, dass etwas eine Person ist/hat? Ist man eine Person oder hat man eine Person?

Zu diesen Fragen habe ich im Laufe meiner Recherchen einige Antworten gefunden. Deswegen bitte ich euch: kommt mit mir auf eine spannende Reise durch verschiedene Fachbereiche, und durchlebt, wie sich meine Meinung zu dem Thema gebildet hat. Denn zu Beginn meiner eigenen Reise war die Antwort eigentlich klar: Jeder Mensch ist eine Person, jede Person ist ein Mensch. Oh Unwissenheit, dein Name ist Mensch...

Etyomologie

Die Etymologie des Wortes "Person" scheint von sprachwissenschaftlicher Seite nicht abschließend geklärt zu sein. Die meisten Möglichkeiten - persona (Latein), πρόσωπον (Altgriechisch), phersu (Etruskisch) - stimmen jedoch in einer Bedeutung überein: "Maske". So ist im Lateinischen damit die Maske eines Schauspielers gemeint, die dieser nutzt, um verschiedene Rollen, verschiedene Persönlichkeiten darzustellen. Insbesondere wird der Begriff "dramatis personae" heute noch verwendet, um die in einem Theaterstück auftretenden Charaktere kurz vorzustellen.

Πρόσωπον ("prosopon" von πρόσ: hin zu, ὤψ: Auge) findet sich - neben der neutestamentlichen Nutzung als "Mensch" - ebenfalls im als प्रतीक ("pratīka") im Sanskrit wieder, wo es die Bedeutungen Oberfläche, Form, Gesicht trägt. Doch gerade in der griechischen Mythologie trägt es bereits eine sehr philosophische Bedeutung: πρόσωπον ist hier die "Selbst-Manifestation eines Individuums".

Im Laufe der Zeit wurde der Begriff "persona" sehr restriktiv genutzt. So waren im Imperium Romanum nur diejenigen Menschen Personen, die freie Rechtsbürger waren. Im Mittelalter war eine Person, wer im Reiche Gottes christlich getauft war. Allein diese Informationen geben schon einen gewissen Aufschluss über die "Personenschaft" (engl. personhood: "Personhood is the status of being a person."). Während man im Allgemeinen erwartet, dass ein Mitmensch eine Person ist (in der Objektorientierten Programmierung "is-a-relationship" genannt), lässt die Etymologie des Wortes bereits die Gegeninterpretation zu: Vor dem Hintergrund, "Person" als eine Maske zu sehen, wäre es durchaus denkbar, eine oder auch mehrere Personen zu haben ("has-a-relationship"). Gleichzeitig schränkt die Etymologie auch ein: Menschen können Personen haben oder sein, müssen aber nicht. Dinge sind etymologisch nicht mit dem Begriff abgedeckt.

Jura

In den Rechtswissenschaften sieht man das ein wenig anders: zwar jeder Mensch stellt vor dem (deutschen) Gesetz eine "natürliche Person" dar. Jedoch wird hier auch eingeschränkt: ein Mensch kann auch nicht zwei Personen sein, er ist genau eine Person. Dafür wird der Begriff "Person" aber auch durch die "juristische Person" ausgeweitet: auch eine organisierte Gruppe kann eine Person sein.

Zur Grundlage dieser Definition wird die Handlungsfähigkeit der natürlichen oder juristischen Person herangezogen. So kann eine natürliche Person von sich aus Handeln, eine juristische Person handelt mittelbar durch eine oder mehrere natürliche Personen.

Das wiederum in Einklang mit den etymologischen Überlegungen gebracht, bedeutet: ein Mensch ist auf jeden Fall eine Person, kann aber als eine andere Person handeln, sprich: eine andere Person haben.

Psychologie

In der Psychologie scheint es zunächst einfach: "Person" bezeichnet einen Menschen. Doch auch hier geht es tiefer: während in der Verhaltenstherapie die "Person" nur als "Träger eines Verhaltens" fungiert, also an sich keine Rolle spielt, knüpfen andere Sparten (Dorsch, Lexikon der Psychologie) bestimmte Bedingungen an das Personsein. Es ist also an Attribute wie Bewusstsein, Selbstbewusstsein, Vernunft, Willensfreiheit, Wertbezogenheit, Verantwortlichkeit und Kommunikation gebunden. Auch andere psychologische Lexika greifen diese Attribute auf, zumeist ist zwingende Voraussetzung für eine "Personenschaft" zumindest das Selbstbewusstsein. Wie stark dieses Selbstbewusstsein ausgeprägt sein muss, ist Inhalt einer andauernden ethischen Debatte, die auch außerhalb der üblichen Philosophie-Foren und wissenschaftlichen Veröffentlichungen geführt wird. Star Trek: The Next Generation greift diese Frage in der Folge "The Measure of a Man" auf. Hier soll entschieden werden, ob Commander Data, einem Androiden, das moralische Recht zur Selbstbestimmung zusteht oder nicht. Da diese Debatte noch zu keinem Ergebnis gekommen ist, nehme ich für meine Betrachtungen an, dass ein grundsätzliches Selbstbewusstsein, d.h. z.B. die Fähigkeit, sich selbst im Spiegel zu erkennen, für das Personsein ausreicht. Das schließt also zumindest Menschenaffen und Delphine in die Gruppe der "Personen" mit ein - was bedeutet, die "Person" ist nicht nur auf Menschen beschränkt.

Informatik

Ein Bereich, bei dem man vielleicht nicht unbedingt eine Antwort auf die Frage "was ist eine Person" sucht, ist die Informatik. Und doch findet man hier eine Fragestellung, die einen Blick hinsichtlich der "Personenschaft" wert ist: Wie kann man feststellen, ob eine KI ein dem Menschen gleichwertiges Denkvermögen hat?

Alan Turing hat hierfür eine simple und zugleich geniale Lösung gefunden: Ein Tester unterhält sich mit mehreren "Blackboxen", in denen entweder ein Mensch oder eine KI sitzt. Wenn die KI den Tester zuverlässig und regelmäßig davon überzeugen kann, dass sie ein Mensch ist, dann gilt der Turing-Test als bestanden.

Die letzte Fragestellung, die in meinen Augen noch offenbleibt, ist also: Wenn eine Maschine, ein Ding also, den Turing-Test besteht, d.h. ein Mensch sie nicht mehr von einem anderen Menschen unterscheiden kann, ist diese Maschine dann eine Person?

Ergebnis

Für mich hat sich in meiner Reise durch die Disziplinen der Sprachwissenschaft, Rechtswissenschaft, Psychologie und Informatik ein relativ klares Bild geprägt.

Eine Person ist man, dessen bin ich mir sicher. Eine Person zu haben hört sich nicht nur nach Sklavenhaltung an, sondern würde auch die Abgrenzung zur "Persönlichkeit" verwässern. Und was das Personsein angeht, gehe ich mit StarTrek, Turing und den Psychologen konform. Eine Person erscheint grundsätzlich intelligent und sich ihrer selbst bewusst. Kurz: Menschen, Tiere, Dinge können aus meiner Sicht Personen sein, wenn sie in der Lage dazu sind, mich von einer minimalen Intelligenz und einem minimalen Selbstbewusstsein zu überzeugen.

Nicht von dieser Welt

Jun 042016


Kennt ihr das? Man sitzt abends gemütlich mit seinen Freunden zusammen bei einem Bier, und jeder erzählt Anekdoten aus seinem Arbeitsalltag. Die Stimmung ist gut, alle lachen - und einer schweigt. Man denkt sich: der ist aber still heute. Vielleicht müde, vielleicht krank. Oder schüchtern. Introvertiert.

Tja, ich bin einer von diesen Schweigenden. Klar, ich rede sonst auch nicht viel, aber gerade bei dieser Gelegenheit ist kein Ton von mir zu hören. Denn ich bin auf eine ganz besondere Art anders: Ich bin Informatiker. Software-Entwickler, um genau zu sein. Und ich erlebe jeden Tag so viel Mist, bekomme jeden Tag eine Wagenladung voller Anekdoten vor die Nase gesetzt, ich muss nur zugreifen und sie einstecken. Und dennoch schweige ich. Warum?

Dazu muss ich etwas ausholen. Zu den Anekdoten der Anderen. Da ist zum Beispiel Peter. Peter ist LKW-Fahrer, aus Leidenschaft. Er hat nach dem Abitur beschlossen, lieber eine Ausbildung zu machen, und seine Begeisterung für Kraftfahrzeuge aller Art zu seiner Berufung gemacht. Und Peter erzählt: "Da fahr ich also auf die A8, wie immer. Mir war ja schon bewusst, dass es ein bisschen geschneit hat. Aber was mich auf der Autobahn erwartet hat, hab ich noch nie erlebt: ich fahr also gemütlich um die Kurve, erschrecke, mache eine Vollbremsung, und steh vor einer weißen Wand. Es hat nicht mehr viel gefehlt, dann hätte ich von meiner Fahrerkabine aus einen Schneemann bauen können. Da hilft dann auch nicht mehr viel - ich ruf’ also den Disponenten an und warte auf den Räumdienst." Alle lachen. Weil sich jeder in die Situation reindenken kann.

Oder Timo. Timo hat gerade sein Medizinstudium beendet, und macht die Facharzt-Ausbildung zum Chirurgen. "Und gestern, da war ein Patient da, ich musste mich echt zusammenreißen, damit ich nicht laut loslache... hat der doch glatt eine Bissverletzung im Enddarm. Und erzählt dann, dass er sich aus Versehen auf seinen Hamster gesetzt hat." Noch mehr Gelächter.

Philipp, ein Ingenieur, erzählt: "und ich sitz so da, und baue meine Platine. Ein Widerstand, ein kurzer Leiter, ein Chip, ein Knopf..." - "Ein Knopf?!" - "Jepp, ich Trottel hab einfach mal meinen Hemdknopf auf die Platine gelötet. Macht das nie, Jungs. Das Plastik stinkt wie Hölle, und die Platine ist für’n Arsch." Peter: "Das kann ich mir vorstellen. Ich hatte letztens eine Ladung Tiefkühlfisch, und mitten auf der A6 ist mir dann die Kühlung ausgefallen..." Gelächter. Timo: "Boah, das ist ja sooo eklig. Da hatte ich letztens eine auf’m Tisch, ich glaub, die hat sich ihr Leben noch nie untenrum gewaschen..."

Und dazwischen sitze ich. Schweigend. Ich habe allein an diesem Tag drei Fehler in unserem Produkt beseitigt, Fehler die aus purer Dummheit des Entwicklers entstanden sind, und über die ich mich mit meinen Kollegen noch in einem Jahr lustig machen werde. Ich versuch’s also mal: "Heute hatte ich auch wieder einen tollen Bug... da hielt es ein Kollege für eine tolle Idee einen Pointer zu dereferenzieren, den er erst danach setzt. Und das war seit 7 Jahren im Code." Schweigen. "Ein Pointer ist ein Verweis auf eine Variable. Wenn der auf nichts zeigt kann man ihn nicht dereferenziehren. Das führt zu einer Exception." Schweigen. "Einem Crash." Schweigen. "Meine Güte, bei uns hat vor 7 Jahren jemand einen Crash eingebaut, der nie aufgetreten ist, weil die entsprechende Codestelle 7 Jahre lang nie aufgerufen wurde." Ein lautes "Ahhhh" der Menge führt uns dann wieder zurück zu Philipp, dessen Sensor falsch kalibriert war, und zu Peter, der wegen eines Planungsfehlers von einem Kollegen auf der gesamten Tour verfolgt wurde. Ich schweige. Für den Rest des Abends.

Wir Informatiker, Programmierer, Software- und Datenbankjunkies kommen prima klar mit uns. Aber unser Job ist inkompatibel zum Rest der Welt. Wir sprechen eine andere Sprache, eine Sprache, für die es oft keine Metaphern aus der realen Welt gibt. "Mein Kollege hat heute ein Refactoringprojekt einer der Kernklassen eingecheckt, und dabei den Gluecode vergessen, und ist dann in den Feierabend gegangen..." ist für uns völlig verständlich. Einen "Muggel" habe ich dabei spätestens bei dem Wort "eingecheckt" verloren: Dein Kollege ist Lehrer? Eine Klasse eingecheckt? In ein Hotel?

Refactoring bedeutet, dass Code umgeschrieben wird, sodass er danach strukturierter ist, leichter nachvollziehbar, aber immer noch das gleiche tut. Das ist noch einfach. Bei Klassen wird es schon schwieriger: In einem Programm gibt es jede Menge an "Objekten". Ein Objekt ist dabei eine Ansammlung von zusammengehörigen Informationen. Die Art dieses Objekts nennt man "Klasse". So kann zum Beispiel die Klasse "Auto" die Informationen "Hersteller", "Typ" und "Sitzplätze" beinhalten. Für jedes Objekt Auto sind also dann Hersteller, Typ und Sitzplätze eindeutig zuordenbar gespeichert.
Schon etwas komplizierter, oder? Und jetzt der Hammer: "eingecheckt". Es gibt für uns Entwickler Tools, die sich "Versionsverwaltung" nennen. Das kann man sich vorstellen, wie einen Schrank, in dem unser Quelltext liegt. Jeder Entwickler hat eine oder mehrere lokale, nur für ihn selbst zugängliche Kopien dieses Originalschranks, in denen er arbeiten kann, und wenn er eine Änderung so gemacht hat, dass er zufrieden damit ist, kann er (Teile seiner) Änderungen wieder veröffentlichen. Dazu stellt er eine Kopie seiner Kopie des Schranks vor den Originalschrank, was dann die Kopie seiner Kopie zum Originalschrank für alle anderen Entwickler macht. Abgefahrene Sache, das. Aber wenn man das alles bei jedem Erzählen einer Anekdote von neuem Aufrollen muss, wird aus einem einfachen Satz ein halbstündiger Vortrag, und keiner möchte mehr zuhören.

Ich würde an der Unterhaltung so gerne teilnehmen. Aber die einzigen allgemein verständlichen Versionen des obigen Satzes, ohne die lange Erklärung, sind: "Ein Kollege hat heute kurz vor Feierabend den ganzen Betrieb blockiert." Und: "Ein Kollege hat heute etwas ganz dummes gemacht, und ich durfte es ausbaden." Und während alle anderen ihre Anekdoten anreichern mit Beschreibungen, Metaphern, Adjektiven und Bildern, kann ich nur stupide diesen einen Satz wiederholen.

An solchen Abenden fühle ich mich genau so: nicht von dieser Welt. Ich sitze da, schweige, und wünsche mich nach Hause. Denn so sehr ich die Zeit mit meinen Freunden auch genieße - wenn ich daran nicht teilnehmen kann, kann ich mich auch einfach mit einer Flasche Wein in die Badewanne setzen, und dabei Musik hören.

Norns I-V

Mär 152015

Far from here in a forlorn world, three ladies sat and wove,
They wove the clouds, the lights, the terror,
wove pretention, luck and woe.
Three ladys by the names of Norns.
Urd, the past, long gone and still
agressive now in our days.
Verdandi, now, becoming thrilled,
for only now's reality.
Skuld, the future, all unknown,
for this is fate, it's to become.
The three of them are called

The Norns.

 

Norns I

Affection, created by someone so much different from you.
Illusion, emanated by a person yet to become,
caught in a web of "doesn't matter".
The harder you try, the stronger it gets.
Don't suffice.
Suffer.
Sufficient.
Before you know.
Caught in an ambush of spikes.
Try to escape. Burn.
The more you struggle, the deeper it cuts.
Lost. Loved.
Dead.
Fate.

 

Norns II

The sea is big. It's deep. And blue.
Don't fall into the sea.
You'll drown.
Death.
Fate?

 

Norns III

Caution! Do not enter!
Step.
By step.
By step.
Step by step you walk into enemy territory.
You walk through a minefield, seemingly unharmed.
You walk through the no man's land, seemingly unharmed.
You walk over the frontier, seemingly unharmed.
You walk beyond enemy lines, seemingly unharmed.
But every step you do
makes yourself illegal
To
Fate.

 

Norns IV

Three strings bring you towards the trial:
One, bright as the stars. Close you look: it's ones and zeros.
Two, blue as the sea. Close you look: it's fish and monkeys.
Three, red as your blood. Close you look: it is your blood.
One pulls, and pulls, and all its effort is lost.
Two pulls, and pulls, and draws you aside.
Three pulls, and without resistance you rush all along.
Do not underestimate
The red string.
How do you decide?
Choose what?
Decision matters
Death.
Fate.

 

Norns V

Nothing is wrong
Is wrong.
Should not have,
Would not have,
Could not have.
Meaningfull. Meaningless.
Regret.
Meaningless. Meaningfull.
Without regret
You die from
Fate.

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